Die Du-kannst- alles-schaffen- Motivationslüge

Küchenpsychologie und die
Du-kannst- alles-schaffen- Motivationslüge

Vor einer Woche kam Karin zu mir in die Praxis. Völlig high von einem Kopf-Cocktail, den ihr ein Motivationstrainer eingeflößt hatte: Einen Tag lang versprach er, ihr Leben würde sich grundlegend ändern und nie wieder so sein, wie zuvor.

Irgendwie stimmte das sogar. Nach dem Seminar war kaum noch etwas wie zuvor. Plötzlich hatte sie nicht nur jede Menge Ziele in der Tasche, sondern auch eine ganze Batterie an To do-Listen. Ab jetzt wird sich alles ändern, hieß das Motto! Sie musste es nur wirklich wollen und positiv, mit viel Manifestationsfähigkeit rangehen.

Karin fühlte sich genau 48 Stunden gut. Dann stürzte sie ab; sie kippte in ein Loch, das tiefer war, als alles, was sie bis dahin kannte. Sie fühlte sich als Versagerin, einsam und alleine, vor allem in der Welt der Motivations-Jünger. Denn plötzlich wollte keiner von ihnen mehr etwas mit ihr zu tun haben. Sie meinten: „Du bist so negativ. Langsame Schwingung. Die hält uns davon ab unseren Weg zu gehen, sorry. Mach’s gut …“

Und da war sie. Alleine und verloren, mit Zielen in der Tasche und Visionen am Horizont, die so fern schienen, wie das letzte planetare System des Universums. Und nun?, dachte sie sich und begann alle Skripten und Audioprogramme in den Mülleimer zu stopfen. Ihre Tränen ließen den Anfangsbuchstaben von: Du kannst alles schaffen! langsam verschwinden.

Genauso fühlte es sich an. Als würde das DU verschwinden. Sie konnte weder sich selbst fühlen, noch einen klaren Kopf bewahren. Ihre Augen lagen unter einem grauen Schleier und was vor 48 Stunden noch so klar geglänzt hatte, schmeckte nun diffus nach Selbstverlust.

Natürlich können Motivationsschübe einen kräftigen Schubs geben, aber eben auch nach hinten. Es gibt nach wie vor keine wissenschaftlichen Belege darüber, dass Motivationspsychologie nachhaltig Wirksamkeit zeigt.
Wissenschaft und Studien hin oder her. Karin ist bei weitem nicht die einzige, die in so einem Zustand meine Praxis kommt. Im Gegenteil, es werden ständig mehr. Ich persönlich halte die aktuelle Propaganda über Glück und Selbstverwirklichung für gefährlich. Sie gaukelt uns vor, dass wir immer in der Lage sind, die Zügel der
Lebenskutsche in der Hand zu haben.

Doch ganz unter uns, kluge Menschen wissen, dass uns das Leben nur allzu oft Bälle zuwirft, die wir niemals spielen wollten.

Ziele stecken, positiv Denken, Alles-schaffen- können-Floskeln … das ist sicher manchmal hilfreich. Doch dann gibt es eben auch Dinge, die können wir nicht steuern. Dieses Ding, von dem wir so gerne hätten, dass es voll und ganz auf uns hört, nennen wir Leben. Klar würden wir es gerne im Griff haben. Doch glaubt mir, dieses Spiel wäre viel zu
einfach – und erfüllt nicht den Zweck unseres Daseins.

Das einzige das wir wirklich steuern können, ist, wie wir dem Leben antworten. Aber auch nur dann, wenn wir uns selbst, unsere Biografie und Schatten kennen. Und noch mehr: Wenn wir sie weitgehend angenommen haben. Karin braucht den Mut, tiefer in die Schichten all ihrer Lebenserfahrungen einzutauchen, besonders denen aus ihrer Kindheit. Dann wird sie feststellen, dass sie sich einfach nur nach einem Menschen sehnt, der ihr in Ruhe zuhört, sie in den Arm nimmt und tröstet.

Was sucht sie sich stattdessen?
Menschen, Trainer und Coaches, die sie genauso behandeln wie ihre Eltern damals. Logisch, sie hat ja bisher kaum eine andere Form des Beziehungsaufbaues kennen gelernt.

„Du musst alles geben.“
„Gib dir mehr Mühe!“
„Lerne mehr, dann erreichst du, was du willst.“

Alles Sätze, die ihr bekannt vorkommen. Warum folgen aktuell so viele Menschen der Peitschenphilosophie von Motivationstrainern? Weil sie nicht anderes kennen gelernt haben. Sie wuchsen auf in Systemen, die sie über Leistung definierten. Und genau das macht sich die Motivations-, aber auch die spirituelle Branche zu nutze. Menschen sind willig und formbar. Sie folgen Philosophien, ohne sie zu hinterfragen, nach wie vor. Und wenn dann jemand vorne steht, der einem sagt: „Du kannst es besser! Gib Vollgas, volle Energie, vollen Fokus. Mach mehr aus dir und deinem Leben. Gib dich nicht zufrieden, strebe Höheres an!“, dann zuckt zwar unser Innerstes, aber irgendwie ist es
auch verlockend. Bekannt. Schlüssig. Immerhin meinten die Eltern damals etwas ähnliches.

Ja, und wenn dann die Ziele nicht klappen, dann hast DU etwas falsch gemacht! Ist das wirklich die Lösung, meine Freunde? Ist es nicht vielmehr so, dass es darum geht, uns selbst, unser Leben und alle Menschen, die daran Teil haben, so anzuerkennen, wie wir uns alle im Herzen danach sehnen, von unseren Eltern angenommen zu werden.
Ohne Gib Gas-Floskeln und Peitschen im Hintergrund?

Ob wir erfolgreich, glücklich und erfüllt sind, ist relativ und bleibt jedem selbst überlassen. Wenn wir stets nach mehr streben, vergessen wir oft das, was wir bereits haben. Wenn wir uns stets mit jenen vergleichen, die mehr haben als wir, fühlen wir uns klein und ohnmächtig. In Folge erleben wir eine Generation von Oberflächlichkeit und
Narzissmus.

Es wird Zeit, dass wir einander wieder dabei unterstützen, uns selbst und das Leben, einfach gern zu haben und dankbar zu sein, auch wenn wir vieles gerne anders gehabt hätten. Der Schlüssel zur inneren Heilung liegt darin, sich zu versöhnen. Das bedeutet nicht, dass wir die erlebten Schmerzen vergessen sollten, sondern vielmehr, uns die
verborgenen Lektionen daraus zurück zu erobern, indem wir uns tapfer und mutig den Schlachten stellen, die wir ins Unterbewusstsein verbannt haben.

Das Leben ist ein Abenteuer mit unendlich viel Potential. Die besten Momente erlebt man, ohne sie vorher zu designen – und meist erkennt man sie auch erst hinterher als Sternmomente, manchmal viele Jahre später.

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