Social Media – Isolation mal anders

Social Media – Isolation mal anders

Eine Kurzgeschichte von Katharina Pommer

John war kein auffälliger Mann. Gut er trug einen auffälligen Haarschnitt und oftmals Hosen, die viel zu kurz waren, vermutlich noch aus Studentenzeiten, doch wen stört es?
Er ging regelmäßig seinem Job nach, den er kurz nach seinem Abschluss auf Empfehlung seines Dad`s erhielt und hatte es bereits zu zwei Beförderungen gebracht.
Er liebte es, nach der Arbeit noch in das Pub, gleich an der Strassenecke zu seinem Büro zu gehen um noch ein Bier zu trinken. Was war schon dabei? Es gab niemanden, der auf ihn wartete.
John mochte Frauen. Ja. Die ein oder andere liebte er sogar. Doch irgendwie, nun ja, irgendwie gelang es ihm nicht eine Beziehung länger als drei Monate aufrecht zu halten. In seinem Facebookprofil steht nach wie vor: es ist kompliziert.

Oft denkt er darüber nach, diesen Beziehungsstatus einfach mal so abzuändern, um danach zu dem Schluss zu gelangen, dass es sich doch nicht lohnen würde.
Sollte er sich eine Webseite oder ein neues Profil zulegen? Vielleicht könnte er damit die Frauenwelt beeindrucken,
Doch welche Frau mag schon einen Mann, der auf nur einer Googleseite 5 Treffer anzeigt und danach irgendwelche anderen Johns ihre Internet-Verwirklichung finden.

Zwei der gefundenen Einträge auf Google von John stammen aus einem Anzeigenportal. Eigentlich kreuzte er an, dass es nicht öffentlich werden sollte, doch jetzt landete es irgendwie doch auf der ersten Seite von Google.
Was solls. Wer googelt schon nach ihm? John Freund. Wegen dieses Namens war er zwar immer beliebter, als sein bester Kumpel mit dem Namen Hans Schmidt, doch letzten Endes liegt er abends alleine im Bett. Und Hans mit seiner Frau und den beiden Töchtern.

John liebt es, Antiquitäten zu sammeln, danach zu restaurieren und sie später auf Ebay zu versteigern. Er hatte es zuvor auf dem Anzeigenmarkt, ganz handelsüblich über die Zeitung versucht, doch wer liest diese Teile heutzutage noch? Also stieg er nach diesen zwei Misserfolgen um, auf Ebay. Seither konnte er einige lukrative Verkäufe verbuchen. Allesamt nicht zu finden unter den fünf Googletreffern.
Die weiteren drei Google-Einträge stammen aus dem Sportverein in dem John früher trainiert hatte. Mittlerweile fungiert er bei der ein oder anderen Mitgliederversammlung sogar als Schriftführer. Die anderen loben ihn, für seine exakten Mitschriften. John versteht das nicht. Was leistet er da bloß?
Verrückt. Damals, als John noch studierte, liebte er es auf Studentenparties zu gehen, sich gut zu kleiden und Mädels aufzureissen. Damals gab es weder Facebook, noch Ebay, weder iPods noch Handys.
Damals sah man sich auf einer Party, ging aufeinander zu, musste nach dem Namen, der Adresse und dem Beruf fragen, man kannte sich nicht und konnte diesen Zustand nur durch miteinander reden ändern.
Damals kostete es ihm große taktische Mühen auf den Beziehungsstatus des begehrten Mädchens zu kommen. Heute reicht ein Klick und man weiss Bescheid. Zumindest meistens.

John liebte diese Spannung. Diese Unwissenheit. Er liebte das Ungewisse. Er liebte es, die Zeichen der Körperhaltung und das Blinzeln der Augen zu deuten. Single oder Vergeben?
Vor allem jedoch mochte er, dass Mädchen ihn noch gut fanden.
Tom kommt. Johns anderer Kumpel, noch aus Colleqezeiten. Sie studierten gemeinsam, gingen danach jedoch getrennte Wege. Tom kannte ein paar Jungs, die Datenprogramme erstellten, Menschen vernetzten, Werbeeinträge einfuhren und ziemlich viel Kohle damit machten. Tom hat an die 120000 Googeleinträge, die seinen Namen beinhalten.
John mag Tom. Eigentlich. Doch, wäre er unter seinem Namen und ohne Synonym bei Facebook, müsste er es sich drei Mal überlegen, ehe er ihn als Freund bestätigen würde. Er wollte nicht, dass Tom alles über ihn erfuhr. Die Antiquitäten, die ehrenamtliche Arbeit im Sportverein. Er trank ab und an ein Bier mit ihm, erfuhr die neuesten Investitionen von Tom und das wars.
„Hey John„ Na, was machen die Antiquitäten?“
John blickt Tom verwundert an, und fragt sich, woher er von seinen insgeheimen Leidenschaften wüsste. Er musste nicht zwei Mal überlegen, ehe Tom antwortete. „Ich hab dich mal gegoogelt.“

Gibt ja kaum etwas über Dich zu finden.“ Breit grinsend, bestellt Tom ein Bier für sich. Na, immerhin hatte er ihn gegoogelt, dachte John. Das zeigt, dass er ausser dem gemeinsamen Bier, doch noch Interesse an mir hat.

„Also eigentlich interessiert mich das gar nicht, John. Doch wie schaffst Du es, in der heutigen Zeit, wo jeder jeden kennt und jeder mit jedem vernetzt ist, praktisch die gesamte Welt und deren Bewohner, von den Staaten, bis hin zu Dschungeldörfern, wie ein offenes Buch vor Dir liegt, wie verdammt noch mal, schaffst du es, da auf bloß einer Googelseite namentlich erwähnt zu sein? Ich meine, mal ehrlich, gibt Dir das nicht das Gefühl, Du weißt schon, total unbedeutend und irgendwie beschränkt zu sein?
John sah Tom ausdruckslos an, bezahlte die mittlerweile drei Bier und ging nach Hause. Er machte den Fernseher an, um ihn gleich wieder abzustellen, putzt sich die Zähne, legt sich ins Bett und liest ein Buch über Polarforschung, eines seiner weiteren Interessen. Die bis jetzt, ebenso noch keiner weiß.
John ist, ja, eine Therapeutin würde ihn durchaus als depressiv bezeichnen. Manches Mal mehr, manches Mal weniger.
Er ist dankbar, keine Therapeutin zu haben.

Hätte er diese, müsste er sich seine Depressionen eingestehen. Er müsste sich ebenso eingestehen, dass er vermutlich den anfänglich noch geringen Bierkonsum, auf „regelmäßig“ erhöht hatte.
Vermutlich, so dachte er, würde sie ihn zu einem Treffen der Anonymen Alkoholiker senden. Er würde hingehen. Vermutlich. Oder auch nicht. John mag keine Schubladen.

 

Hätte er einen ehrlichen Facebookaccount, dann würde vermutlich jeder, der mit ihm befreundet ist, oder sein möchte sehen, dass er Antiquitäten, Polarforschung, Sportabende, Bier und Depressionen mag.

Er hat sich gegen einen eigenen Account entschieden. Er hat einen anonymen, nur zum Zeitvertreib und um zu sehen, was die anderen so treiben. Er mag es im Grunde lieber direkter. So reden mit den Menschen.
Leider erkannte er gerade, jetzt, wo der Regen langsam an sein Fenster im obersten Stock eines 70er Jahre Hochhauses, prasselt, dass er keinen Menschen hatte, der direkt war. Greifbar. Alle Menschen, die er kannte, unterhielten sich über Facebook. Oder andere Portale, Blogs, Diskussionsforen und was es sonst noch so gab.
Wenigstens hätte er da das Gefühl doch wertvoll und wichtig zu sein. Zumindest für irgendjemanden. John steht auf, zieht sich seine Schuhe an, verlässt das Haus, verschließt nicht seine Tür, hat die Schlüsse in seiner Wohnung gelassen, steigt in den Bus, verlässt diesen und springt mit einem letzten Seufzen die Golden Gate hinab. Was Solls, erfährt doch sowieso keiner, denkt er noch, bevor er seinen letzten Atemzug nimmt und in den Fluten verschwindet.

 

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